Was heisst Interaktivität und Interaktion? (Teil 4 von 4)

| 1. März 2011

Auf einige Kriterien aus dem obigen Katalog soll im Folgenden detailliert eingegangen werden, da diese einen besonders großen Einfluss auf den Lernerfolg in Online-Kursen haben. Ganz besonders sollen die beiden Begrifflichkeiten Interaktion und Interaktivität (#7) genauer betrachtet und deren Einfluss auf den Lernerfolg erläutert werden. Darüber hinaus soll ein kurzer Abriss zu Konzepten der Wissensvermittlung (#10) skizziert werden.

Interaktivität
Der Begriff „Interaktivität“ wird in der IT-Branche häufig inflationär zur Beschreibung und Vermarktung von vielen Produkten verwendet. Fast jeder Hersteller verspricht, dass sein Programm bzw. seine Lerninhalte interaktiv sind und die Interaktion fördern, ganz unabhängig davon was für Handlungsspielräume dem Nutzer eingeräumt werden und welche Arten von Feedback integriert sind. Unabhängig davon besteht weitestgehend Konsens darüber, dass Interaktivität und Interaktion, sei es in der Präsenz- oder Online-Lehre, einen positiven Effekt auf den Prozess des Lernen und den Lernerfolg ausüben (Staemmler, 2006, S. 114).

Unterscheiden lassen sich Interaktion und Interaktivität dahingehend, dass es sich bei ersterer um von außen beobachtbare Lernaktivitäten handelt, wie die Navigation durch und das Auswählen von Lerninhalten und die Kommunikation mit dem Tutor oder anderen Nutzern. Letztere steht für intern ablaufende kognitive Prozesse, die durch aktives Eingreifen und Manipulation von Lernobjekten durch den Lerner ausgelöst werden.

Interaktion

Ganz besonders die Interaktion zwischen Lernern und dem Dozenten bietet eine Vielzahl von Austausch- und Lernmöglichkeiten. Die Lernplattform stellt hier in der Regel zahlreiche Kommunikationsmöglichkeiten über alle Online-Kurse hinweg zur Verfügung. Hier unterscheidet man zwischen asynchroner und synchroner Kommunikation.

Unter synchroner (zeitgleicher) Kommunikation subsumiert man Tools wie Chat, Whiteboard und Videokonferenzen, wohingegen die Nutzung von E-Mail, Foren, Wikis und Blogs als asynchrone Kommunikation einzustufen sind. Die unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten können als gleichwertig in ihrer Wirkung auf den Lernerfolg angesehen werden, da es schlussendlich von der Aufbereitung der Lerninhalte für einen Online-Kurs und dem didaktischen Design abhängig ist, welche Formen zum Einsatz kommen. So kann eine Live-Videoschaltung bei einem schwierigen Experiment viele Interessenten gleichzeitig (synchron) an der Durchführung teilhaben lassen. Die Aufzeichnung und Veröffentlichung des durchgeführten Experiments mit einer Ergebniseinschätzung durch Experten kann im Nachgang (asynchron) z.B. der Fehlersuche oder einer Weiterführung dienen.

Auf der anderen Seite ist und bleibt zu bezweifeln, dass die Interaktion des Lerners mit der Hardware eines Computers (Maus, Tastatur etc.), Benutzerschnittstelle des Betriebssystems oder Lerninhalten kognitive Prozesse auslösen, gerade weil es sich vielmehr um Aspekte des Navigierens (Vor -und Zurückblättern, Auswahl aus Menüs und Optionen) handelt.

Beim alleinigen Durchblättern (Navigieren) eines Buches kann ein Beobachter ebenfalls nicht davon ausgehen, dass interne Denkprozesse ausgelöst werden. Erst die Lerninhalte, und die darin enthaltenen Lernobjekte, eröffnen Entwicklern von virtueller Lehre Möglichkeiten kognitive Prozesse und selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen und zu fördern.

Grad der Interaktivität

Das Niveau von Lerninhalten hinsichtlich ihrer Interaktivität kann mit Hilfe folgender Kriterien skaliert und evaluiert werden (Metzger & Schulmeister, 2004, S. 270):

1. Manipulation der Repräsentationsform der Lerninhalte;
2. Manipulation der Inhalte;
3. Konstruktion von Lernobjekten;
4. Feedback vom Lernobjekt.

Interaktivitätsniveaus können vom simplen Betrachten und Rezipieren von Lernobjekten (z.B. Grafik einer Bildschimausgabe eines Blutzuckermessgerätes) durch den Lerner bis hin zur Selbstkonstruktion von Lernobjekten (z.B. Programmiercodeeingabe in einem Terminalfenster mit sofortigem Feedback vom System ob richtig oder falsch) reichen.

Der Nutzer wird im Regelfall allein vor einem Computer im Büro oder zu hause sitzen, um sich mit den dargebotenen Lerninhalten auseinander zu setzten. Bei dieser individuellen Selbstaneignung von Wissen sind verschiedene Bestandteile für eine didaktische Gestaltung relevant (Schulmeister, 2004, S. 25): Lernervoraussetzungen, Lernziele, Methodenauswahl und Mediengestaltung, Prüfungsform, Evaluation oder Feedback.

Geeignete didaktische Szenarien

Für die Art und Weise der didaktischen Gestaltung in einem Online-Kurs können verschiedene didaktische Szenarien herangezogen werden, die je nach Zielgruppe variieren können. Bei der Wahl einer didaktischen Herangehensweise zur Aufbereitung der zu vermittelnden Lerninhalte muss im Vorwege genau festgelegt werden, was mit dem angestrebten Online-Kurs erreicht werden soll (Definition der Lernziele). So kann für angehende Mediziner ein konstruktivistischer Ansatz und fallbasiertes Lernen einen hohen Lernerfolg erzielen, wenn es darum geht ein Krankheitsbild auf der Grundlage von aufgelisteten Symptomen zu diagnostizieren.

Wenn es um die Gebrauchsanleitung von neuen medizinischen Gerätschaften oder deren Anwendersoftware geht, ist der Einsatz eines Instruktionsdesign anfänglich sinnvoller. Jedoch sollte auch hier nach Vermittlung des notwendigen Grundwissens dem Lerner die Möglichkeit eingeräumt werden, sein erworbenes Wissen in praktischen Übungen zu vertiefen. Durch die kontinuierliche Überprüfung des Wissenstandes können einerseits systemseitig Anpassungen in Bezug auf das noch zu vermittelnde Wissen vorgenommen werden. Andererseits kann der Lerner seinen Wissensstand ermitteln und wenn notwendig eine andere Art und Weise der Herangehensweise beim Lernen wählen, um den gewünschten Lernerfolg zu erzielen.

Voraussetzungen beim Lerner

In den letzten Jahren sind die Lernervoraussetzungen immer mehr in den Mittelpunkt bei der Gestaltung von virtuellen Lernumgebungen und Online-Kursen getreten. Werden diese in der Gestaltung von Online-Kursen mit in betracht gezogen, kann dies erstens zur Motivation und zum Lernerfolg einen erheblichen Beitrag leisten. Ein interessantes Konzept kann hier das der kognitiven Stile sein, die Lerner bei der Informationsverarbeitung und -organisation zur Anwendung bringen. Legt man diese beim Design von Lerninhalten zugrunde, kann der Lernerfolg positiv beeinflusst werden.

Vor Beginn und Durchführung eines Online-Kurses ist es immer ratsam, das Vorwissen der Lernenden zu evaluieren. Durch eine Einstufung können Lerner mit einem geringen Vorwissen weitere und ausführlichere Lerninhalte zugeordnet werden. Lernende die bereits über ein weitrechendes Wissen verfügen können an das zu absolvierende Thema ohne große Einleitung und Auffrischung angehen. Beide Gruppen werden mit einem Lernsystem, das Ihnen solche Flexibilität darbietet, mit hoher Wahrscheinlichkeit zufriedener sein.

Literatur

Metzer, C., Schulmeister, R. (2004). Interaktivität im virtuellen Lernen am Beispiel von Lernprogrammen zur Deutschen Gebärdensprache. In: Mayer, H.O., Treichel, D. (Hrsg.). Handlungsorientiertes Lernen und e-Learning. Grundlagen und Praxisbeispiele, 265-297. München: Oldenbourg

Schulmeister, R. (2004). Didaktisches Design aus hochschuldidaktischer Sicht – Ein Plädoyer für offene Lernsituationen. In: Rinn, U., Meister, D.M. (Hrsg.). Didaktik und Neue Medien: Konzepte und Anwendungen in der Hochschule. (Medien in der Wissenschaft; 21) 19-49. Münster: Waxmann

Staemmler, D. (2006). Lernstile und interaktive Lernprogramme. Kognitive Komponenten der Lernerfolges in virtuellen Lernumgebungen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag

Dieser Artikel ist Teil einer 4teiligen Serie:
Teil 1: E-Learning: Lernsystem und Lerninhalt richtig wählen
Teil 2: Probleme und Hindernisse beim Online-Lernen
Teil 3: Spezielles Design für Online-Kurse
Teil 4: Was heißt Interaktivität und Interaktion?

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Category: Allgemein, E-Learning

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