Spezielles Design für Online-Kurse (Teil 3 von 4)
Wenn Lerninhalte für die virtuelle Lehre aufbereitet werden, übersehen immer noch viele Designer, Programmierer, Trainer und Dozenten von virtuellen Lernangeboten, wie sich individuelle Unterschiede beim Lernen innerhalb von Online-Kursen und virtuellen Lernumgebungen, wie übrigens bei der Präsenzlehre, niederschlagen. Oftmals wird das Design der Präsenzschulungen eins zu eins in die virtuelle Schulung übernommen. Beinhalten die erstellten Lerninhalte auch Texte, Grafiken und Animationen vermitteln diese doch häufig ein starres und statisches Gesamtbild der Darbietung, welches sich nur minimal an die Lernereigenschaften und Lernerbedürfnisse anpasst. Diese Art des Designs für Online-Kurse findet aus der Perspektive des Entwicklers bzw. Dozenten heraus statt, und nicht auf der Grundlage von individuellen Differenzen der Lerner, wenn es zu Informationsaufnahme, -verarbeitung und -organisation kommt.
Gerade die stetig weiter entwickelten Informations- und Kommunikationstechnologien stellen die Möglichkeiten zur Verfügung, Lerninhalte und die darin enthaltenen Lernobjekte so aufzubereiten, dass sie auf die Präferenzen und Bedürfnisse der Lerner adaptiert werden können. Trotz der technologischen Innovationen ist es bis dato noch utopisch, für jeden Nutzer individuell angepasste Lernobjekte und Lernprozesse bereit zu stellen. Eine didaktische und inhaltliche Anpassung ist vielmehr als eine gruppenspezifische Anpassung, z.B. an Lernstile, Lerntypen, Kompetenz- und Erfahrungsniveaus etc. möglich und aus technischer Sicht heute bereits realisierbar.
Auswahl passender Lerninhalte
Eine große Hürde stellt demnach die Aufbereitung bzw. die Auswahl passender Lerninhalte für das Lernen am und mit dem Computer dar. Ganz besonders, da es hier nicht allein um das Bereitstellen von Wissensinhalt geht, die dann im Kopf des Lerners wie in einer großen Bibliothek archiviert werden. Neue Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie zeigen auf, dass die Aneignung von neuem Wissen von Person zu Person sehr unterschiedlich sein kann. Beim Abruf von Informationen wird Wissen dann nicht wie aus einem Buch abgelesen und vorgetragen sondern vielmehr ad hoc rekonstruiert. Wer den individuellen Lernprozess als einen solchen versteht kann schnell erahnen, dass die kognitive Involviertheit des Lerners eine große Auswirkung auf den Lernerfolg und demzufolge auf den Abruf von spezifischem Wissen bei Bedarf hat. Mit welchen Mitteln und Maßnahmen eine Steigerung des Lernerfolges erzielt werden kann wird im Anschluss an den nachfolgenden Kriterienauswahlkatalog für Lerninhalte und Lernsoftware ausführlicher erläutert.
Kriterien für die Auswahl von Lerninhalten
Die Auswahl der passenden Lerninhalte stellt für viele eine mehr oder weniger große Herausforderung dar. Der nachfolgenden Kriterienkatalog soll dabei helfen, Lerninhalte und Lernsoftwareprodukte dahingehend zu beurteilen, dass sie den Anforderungen der angestrebten Bildungs- oder Schulungsmaßnahme unter Beachtung der Zielgruppenvoraussetzungen gerecht werden. Die Reihenfolge ist beliebig gewählt und soll keine Wertigkeit darstellen.
1. Zielgruppe/ Adressaten
Sind die Lerninhalte für die Zielgruppe geeignet?
- Alter, Geschlecht
- Kenntnisse, Fertig- und Fähigkeiten
- Motivation sich mit den Inhalten auseinander zu setzen
- Problembewusstsein
- Kompetenzen, z.B. im Umgang mit Medien
2. Wirtschaftliche Aspekte
Ist das Preis-Leistungs-Verhältnis akzeptabel?
- Preis
- Inhalte (Text, Grafik, Audio, Video, …)
- Aktualisierungsmöglichkeiten – Sind diese kostenpflichtig?
3. Technologie
Welche Voraussetzungen (z.B. Flash Plug-In) müssen gegeben sein, damit die Inhalte funktionieren?
- Betriebssystem
- Internetanschluss
- Systemressourcen (Arbeitsspeicher, Prozessor, Grafikkarte, …)
- weitere Softwarekomponenten erforderlich („third-party-tools“)
- Ladezeiten
4. Bildschirmaufteilung und Screendesign
Ist die Bildschirmaufteilung übersichtlich und das Screendesign ansprechend?
- Bildschirmaufteilung (Arbeitsbereich, Orientierungsbereich, Steuerungsbereich)
- Farb- und Formgestaltung
- Helligkeit/ Kontrast
- Textgröße und –lesbarkeit
- Menüsystem (Aufbau, Darbietung, Ist diese intuitiv?)
- Handhabbarkeit
- konstante Struktur
5. Bedienoberfläche (GUI – Graphical User Interface)
Ist die Bedieneroberfläche benutzerfreundlich gestaltet?
6. Multimediale Elemente
Ist die Qualität zufrieden stellend?
- Qualität der Inhalte
- Tonqualität (rauscharm)
- Videoqualität (ruckelfrei)
- Grafikqualität
7. Grad der Interaktivität und Interaktion
Sind diese vorhanden und zufrieden stellen?
- Form der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine (passiv – interaktiv – kommunikativ)
- Kommunikation mit Tutoren und anderen Lernenden
- Manipulation der Repräsentationsform der Lerninhalte
- Konstruktion von Lernobjekten und Feedback von diesem
8. Lernziel und Lernzielerreichbarkeit
Ist das Lernziel definiert und für jeden erreichbar?
- Ziel des Kurses
- Lernzielerreichbarkeit für Nutzer mit unterschiedlichem Vorwissen
- Voreinstellung von Schwierigkeitsstufen
9. Motivation
Motiviert die Lernsoftware den Benutzer?
-
Neugierde (Anregung zum Weitermachen)
Spaß (Edutainment)
Kreativität
Feedback
10. Wissensvermittlung
In welcher Form findet die Wissensvermittlung statt?
-
Vermittlung von Fakten
Problem-, fallbasiertes Lernen, Storytelling
Instruktionsdesign
Lerntheorie (Kognitivismus, Konstruktivismus, Pragmatismus)
Dieser Artikel ist Teil einer 4teiligen Serie:
Teil 1: E-Learning: Lernsystem und Lerninhalt richtig wählen
Teil 2: Probleme und Hindernisse beim Online-Lernen
Teil 3: Spezielles Design für Online-Kurse
Teil 4: Was heißt Interaktivität und Interaktion?
Category: Allgemein, E-Learning

